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Der Verlust der Vielfalt – das Artensterben

13. Mai 2021 Lesezeit ca. 4 Min.
Ein Leopard auf einem Baum - das Artensterben betrifft besonders endemische Arten

Der Verlust der Vielfalt – das Artensterben

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Unsere Welt ist erfüllt von Biodiversität. Schätzungen zufolge gibt es zwischen 5.000.000 und 100.000.000 verschiedene Tiere, Pflanzen, Pilze und Bakterien. Davon sind nur rund 1,75 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben. Generell gilt dabei, dass eine größere biologische Vielfalt für ein stabiles und gesundes Ökosystem steht. Doch laut Angaben des Nabu sterben täglich etwa 150 Arten aus.

Generell ist ein Artensterben ein natürlicher Prozess und Teil der Evolution. Doch derzeit befinden wir uns in einem menschengemachten Artensterben, welches den natürlichen Rahmen sprengt. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht – und das sind nur die, von denen wir wissen. Doch die Tatsache, dass unsere Welt mit jeder sterbenden Art ein kleines bisschen weniger vielfältig und bunt wird, ist nur ein Bruchteil der Konsequenzen. Auch die derzeitige Corona-Pandemie steht im direkten Zusammenhang mit dem Artensterben und sollte als Warnschuss dienen.

Die Historie des Artensterbens

In der Geschichte der Erde gab es laut der paläontologischen Forschung bisher fünf große Massensterben. Als die Atmosphäre vor etwa 2,3 Milliarden Jahren erstmals mit Sauerstoff angereichert wurde, ereignete sich das erste bekannte Massensterben. Vor ungefähr 66 Millionen Jahren starb etwa die Hälfte aller Tierarten aus, darunter auch die Dinosaurier.

Doch auch wenn das Artensterben generell ein natürliches Phänomen ist, ist er Einfluss des Menschen nicht zu übersehen. Auf jedem Kontinenten und jeder Insel, welche der Mensch vor Beginn der Neuzeit besiedelte, starben zahllose heimische Arten aus. Schätzungen zufolge übersteigt die derzeitige durch menschliches Handeln verursachte Aussterberate die natürliche um den Faktor 100 bis 1000.

Eine besondere Gefahr für die Artenvielfalt stellt der menschengemachte Klimawandel dar. Steigt die durchschnittliche Temperatur auf der Erde um mehr als drei Grad Celsius, würden ein Drittel der auf dem Land lebenden endemischen Arten und etwa die Hälfte der im Meer lebenden endemischen Arten vom Aussterben bedroht sein. Zu den endemischen Arten zählen solche, die nur in bestimmten Gebieten vorkommen. Bei ihnen bedeutet ein lokales Aussterben also automatisch ein globales Aussterben.

Ein Kolibri - das Artensterben betrifft auch viele Vogelarten

Täter Mensch

Die Gründe für das Artensterben können sehr vielfältig sein. Doch bei dem Massensterben, auf das wir derzeit zusteuern, ist der Mensch als Auslöser unbestritten. Und damit ist nicht nur der Klimawandel gemeint. Die Städte, Autobahnen und Industriegebiete bieten keinerlei Raum für Insekten und Vögel. Pestizide und Insektizide in der Landschaft schaden nicht allein den Schädlingen, sondern allen Tieren und Pflanzen. Hinzu kommt, dass die meisten heimischen Sorten nicht mehr angebaut werden und in Vergessenheit geraten, da eine monokulturelle Bebauung Standard geworden ist.

Der Amazonas-Regenwald und seine Artenvielfalt werden auch durch den Menschen bedroht. Geschätzt 70% aller Tier- und Pflanzenarten sind hier beheimatet und zum Teil bereits stark gefährdet. Jedes Jahr verschwinden große Flächen der sogenannten „grünen Lunge“ um Holz zu gewinnen oder Platz für Industrie und Landwirtschaft zu schaffen. Die in den Meeren lebenden Arten werden durch die Überfischung und die zunehmende Verschmutzung ebenfalls gefährdet.

Ein weiterer Grund, warum viele Arten gefährdet oder sogar ausgestorben sind, sind Touristen oder lokale Mythen. So gilt es zum Beispiel als Attraktion, seltene Tierarten als Trophäen aus Urlaubsreisen mitzubringen – manche lebend, andere ausgestopft und von anderen nur bestimmte Teile. Andere Tiere werden aus vermeintlich medizinischen Gründen gegen hohe Prämien gejagt. Beispielsweise werden Tigerknochen Heilkräfte gegen Rheuma zugeschrieben.

Ein Tiger liegt auf einer Steinplatte - das Artensterben bedroht die Vielfalt der Natur

Die „Rote Liste“ der IUCN

In regelmäßigen Abständen veröffentlich die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) die sogenannte „Rote Liste“ für bedrohte Arten. In der aktuellsten Version von Ende März 2021 enthielt die Liste mehr als 100.000 Tier- und Pflanzenarten, davon fast 37.500 akut vom Aussterben bedroht. Seit Beginn der Aufzeichnung war die Zahl noch nie höher. Dazu zählen beispielsweise der Feldhamster, ein Glattwal und mehrere Lemuren-Arten. Auf den ersten Blick scheint diese Zahl vor dem Hintergrund, dass es bis zu 100.000.000 verschiedene Arten geben könnte, nicht allzu dramatisch. Doch man darf nicht vergessen, dass jedes Artensterben eine Art Kettenreaktion auslösen könnte.

Beispielsweise starb im Jahr 2018 der letzte Bulle des Nördlichen Breitmaulnashorns. Seitdem gilt die Art als ausgestorben. Sie galt als eine Schlüsseltierart für andere Tiere und Pflanzen. So werden nun bestimmte Pflanzen nicht mehr gefressen und so ihre Samen nicht mehr ausgetragen. Der Kot des Nördlichen Breitmaulnashorns bot einigen Insektenarten Nahrung oder Brutplätze. Bestimmte Vögel ernährten sich hauptsächlich von den Parasiten auf der Haut der Nashörner und finden nun keine Nahrung mehr. Und die Schneisen, die die Nashörner früher für kleine Antilopen gefräst haben, sind nicht mehr da. So beeinflusst das Aussterben einer Art noch viele weitere.

Die besonders gefährdeten endemischen Arten haben zugegebenermaßen wahrscheinlich keinen so großen Einfluss, dass das gesamte Ökosystem kollabieren würde, würde eine von ihnen aussterben. Trotzdem wird unsere Welt mit jedem Artensterben ein bisschen weniger vielfältig und bunt.

Was die Corona-Pandemie mit dem Artensterben zu tun hat

Bei der Corona-Infektion handelt es sich um eine sogenannte Zoonose. Das bedeutete, dass sich um eine Erkrankung handelt, welche von Tieren auf den Menschen überspringen kann. Auch wenn der Ursprung sehr wahrscheinlich in Fledermäusen liegt, gehen Experten derzeit davon aus, dass sich die Menschen beim Schuppentier angesteckt haben. Die Wissenschaft warnt schon lange vor den Konsequenzen unseres Lebensstils in Bezug auf die Zunahme von Pandemien.

Die steigende Zahl der Zoonosen hängt direkt mit den Eingriffen der Menschen in die Ökosystem zusammen. Dadurch, dass durch menschliches Handeln teilweise Tiere am oberen Ende der Nahrungskette bedroht oder sogar ausgestorben sind, verbreiten sich andere Arten. So können sich beispielsweise Ratten ohne natürliche Fressfeine ungehindert vermehren und ihr Viren und Infektionen weitertragen. Auch das Vordringen in die Lebensräume schafft immer mehr Kontakt zu wilden Tieren und ihren Krankheiten. Viele Tiere sind auch gezwungen, ihre zerstörten Lebensräume zu verlassen und weichen auf von Menschen bewohnte Gebiete aus.

Beispielsweise das Coronavirus hat sich mutmaßlich auf einem Wildtiermarkt ausgebreitet. Auf solchen Märkten sind viele verschiedene Tiere auf engstem Raum eingesperrt. So können Infektionen von Spezies zu Spezies wanden und auch auf den Menschen übertragen werden. Vielleicht hilft die Corona-Krise zumindest dabei, den Zusammenhang mit dem menschlichen Eingriff in die Ökosysteme zu erkennen und den Umgang zukünftig zu beeinflussen.

https://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/anthropozaen/256780/artensterben

https://www.planet-wissen.de/natur/umwelt/artensterben/index.html

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/150-arten-sterben-pro-tag-aus-groesstes-artensterben-seit-ende-der-dinosaurier-zeit-droht-16660249.html

https://www.deutschlandfunk.de/studie-zum-artensterben-erderwaermung-bedroht-ein-drittel.697.de.html?dram:article_id=495469

https://www.gruene-bundestag.de/themen/biologische-vielfalt-naturschutz/rasantes-artensterben-bedroht-unsere-lebensgrundlagen

http://www.umweltinstitut.org/themen/landwirtschaft/artensterben.html

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/wwf-bericht-zum-artensterben-wir-verlieren-die-vielfalt-des-lebens-auf-der-erde-a-74c5dcf5-2f6a-4acb-ac1a-27d7b0dadc47

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-04/artensterben-klimawandel-erderwaermung-endemische-arten?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com

https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/nannen-preis/-das-grosse-artensterben—-die-unsichtbare-katastrophe-vor-unserer-haustuer-30449074.html

https://www.wwf.de/themen-projekte/weitere-artenschutzthemen/rote-liste-gefaehrdeter-arten