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Der Weg zum Cyborg geht weiter

Wo liegen Zukunft und Grenzen der Mensch-Technik-Fusion und warum wird die Selbstoptimierung des Menschen durch implantierbare Technik künftig stark zunehmen?

10. Mai 2020 Lesezeit ca. 5 Min.
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Der Weg zum Cyborg geht weiter

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Jochen Keibel ist Hörakustikermeister. Das 1955 gegründete Familienunternehmen gehört zu den Mitbegründern des Berufsstandes. Lange konzentrierte er sich auf die Entwicklung innovativer audiologischer Software, die über Jahre als marktführend galt. Bis heute hat er die technischen Fortschritte (nicht nur) seiner Branche fest im Blick und sorgt mit eigenen Innovationen dafür, sie einem breiten Nutzerkreis zugänglich zu machen. Jochen Keibel ist überzeugt, dass die freiwillige Selbstoptimierung des Menschen durch implantierbare Technik in naher Zukunft stark zunehmen wird. 

Seit Jahrzehnten wachsen Mensch und Technik weiter zusammen. Dabei gibt es zwei Bereiche: den medizinischen mit Herzschrittmachern, intelligenten Prothesen, Cochlea-Implantaten und mehr, sowie den der smarten Helfer für Alltag, Hobby und Beruf. Beide Gebiete entwickeln sich stetig weiter und profitieren von den Fortschritten des anderen. Doch während der erste Herzschrittmacher bereits vor rund 50 Jahren eingesetzt und das erste Cochlea-Implantat vor 30 Jahren implantiert wurde, ist die Geschichte von Smartphone, Smartwatch, Datenbrillen und Co. noch jung. Die smarten Endgeräte etablierten sich jedoch so schnell, dass sie heute kaum noch aus dem Alltag wegzudenken sind. Als stetige Begleiter verschmelzen sie förmlich mit ihrem Nutzer. Da liegt es nahe, über den Rand von Smartphone und „Wearable“ hinweg zu schauen, und den Blick auf den nächsten Schritt zu richten: die Optimierung des Menschen mithilfe noch ausgeklügelter, kaum sichtbarer Technik – vielleicht sogar in Form von Implantaten. 

Bereits jetzt gibt es erste „Cyborgs“, also Menschen, bei denen nicht ausreichend leistungsfähige Organe durch hoch entwickelte Technik unterstützt werden oder sogar ganz ersetzt wurden. Dazu gehören Träger von Cochlea-Implantaten. Diese verbinden den Hörnerv mit einem digitalen Signalprozessor, wodurch Gehörlose wieder hören können. „Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, das durch einen Computer ersetzt wurde“, erklärt Jochen Keibel. Ein Umstand, der umso beeindruckender ist, wenn man bedenkt, dass es bis in die 60er-Jahre kaum gesicherte Theorien über die Funktion des Ohrs gab. „Das Innenohr ist kein greifbarer Körper. Es handelt sich um einen mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum, der verschwindet, sobald man ihn öffnet“. Dies mache es schwierig das Organ eingehend zu studieren. Es gab zwar schon vorher einige Theorien, doch erst durch die Wanderwellentheorie des Georg von Békésy, für die er im Jahre 1961 den Nobelpreis für Medizin erhielt, machten die Forschungen den entscheidenden Schritt nach vorne. Dieser mündete in den ersten Cochlea-Implantaten, die Anfang der 70er-Jahre eingesetzt wurden.

Wie nah die Technik dem menschlichen Körper auch abseits der invasiven Therapeutik kommt, zeigt sich ebenfalls im Bereich des Ohrs. Kopfhörer können längst mehr, als Musik oder Sprache übertragen. Mit Bluetooth, Noise Cancelling und Bewegungssensor bieten sie Zusatzfunktionen, die sonst Smartphone und Co vorbehalten waren. Funktionen, die auch in moderne Hörgeräte integriert werden. Dadurch werden Hörgeräte laut Jochen Keibel immer mehr zu sogenannten „Hearables“ (smarte Kopf- bzw. Ohrhörer, mit verschiedenen zusätzliche Funktionen). So gibt es heute bereits Hearables mit integrierten Dolmetschersystemen und solche, die Bioindikatoren wie den Puls oder die Körpertemperatur messen. Auch die Ermittlung eines EEGs direkt aus dem Gehörgang wird demnächst zur Marktreife gebracht. „Die Entwicklung der Geräte ist eng mit der des Smartphones verknüpft“, erklärt der Hörakustikermeister. So speichert und verarbeitet es die Daten, die für die Funktion der weiteren Endgeräte notwendig sind, und dient als Steuerpult über das sich Einstellungen individuell regeln lassen. „Das Smartphone ist also ein kleiner Rechner, den man immer bei sich trägt“, fasst Jochen Keibel zusammen. Diese Standortunabhängigkeit macht die Nutzung bestimmter Techniken überhaupt erst möglich. Darunter die des elektronischen Kassenbons, mit dessen Hilfe die Papierquittung durch ein digitales Pendent ersetzt wird oder die Feinabstimmung von Hörgeräten durch den Träger, wo und wann immer man will.

Wie der Kopfhörer folgt auch das Hörgerät dem technischen Entwicklungsstand des Smartphones. „Sie wachsen immer weiter zusammen und erhalten dadurch einen vollkommen neuen Stellenwert“, weiß Jochen Keibel. Dafür gibt es konkrete Beispiele: So können Hörgeräte durch eine integrierte Bluetooth-Funktion bereits jetzt den drahtlosen Kopfhörer ersetzen und auch als Headset dienen. Damit übernehmen sie einen der naheliegensten Bereiche des Smartphones: die Akustik. Auch Hörhilfen mit Bewegungssensor sind bereits erhältlich – eine Domäne, die seit jeher dem Smartphone vorbehalten war. Weitere, bisher in spezialisierten Hearables integrierte Funktionen werden zeitnah folgen. „Auch wenn diese Entwicklung in der allgemeinen Diskussion noch nicht präsent ist, ist man sich in Fachkreisen sicher, dass sie stringent in diese Richtung geht“, so Keibel. Kein Wunder, denn es gibt zahlreiche Aspekte, die für die Integration bestimmter Funktionen in Hörgeräte sprechen. So überträgt ein Mikrofon im Gehörgang absolut störungsfrei, da der Ton über die Schädelknochen transportiert wird. Außengeräusche bleiben außen vor und stören das Gehörte nicht. 

Ein weiterer Schritt wird die Wlan-Fähigkeit der Geräte sein, erklärt Keibel. „In zwei bis drei Jahren ist die Technik marktreif“. Die Antennentechnik sei dabei die größte Herausforderung. Denn egal wie klein das Hörgerät theoretisch sein könnte, es braucht eine Antenne, die sich außerhalb des Schädels befindet. „Die Schädelknochen wirken wie ein faradayscher Käfig, in dem nichts empfangen werden kann“. An diesem Punkt zeigen sich die momentanen Grenzen der Mensch-Technik-Verschmelzung. Ein Weiterer liegt bei der Energieversorgung. So werden Batterien zwar immer kleiner, sind jedoch nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt. Sie müssen nach einer gewissen Zeit ausgetauscht oder neu geladen werden. „Die Limitierung der Batterietechnik konnte bisher nicht überwunden werden“, so Keibel. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Weiterentwicklung von „AirPod“ und Co, sondern ist im medizinischen Bereich ebenfalls erkennbar. So ist auch das Cochlea-Implantat an der Batterie limitiert. Während sich das Implantat in anderen Bereichen stetig weiterentwickelt und die neusten Modelle eine Einheit aus Prozessor und Spule bilden, bleibt die Energieversorgung, wie sie ist. Zwar brauche es keinen auf dem Ohr sitzenden Träger mehr, aber immer noch eine Batterieeinheit, die das Gerät von außen per Induktion versorgt, erklärt Jochen Keibel. Deshalb kann bisher nur ein Teil der kosmetischen Einschränkungen des Cochlea-Implantats gelöst werden, denn erst ohne die äußere Energieversorgung wird die Technik unsichtbar.

„Bei all dem darf man nicht vergessen, dass jede dieser Entwicklungen immer mit Rechnertechnik verbunden ist“, so Keibel. Deshalb wird die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) auch Einfluss auf die Fortschritte der Mensch-Technik-Fusion haben. „Eine Zukunftsbetrachtung ohne künstliche Intelligenz ist nicht möglich“, ist der Hörakustikmeister überzeugt. Auf lange Sicht werde sie Einfluss auf alle Lebensbereiche nehmen, beim Hören werden sie sogar dramatisch sein. Bereits jetzt gibt es Hörsysteme, deren individuelle Einstellungen von einer KI analysiert und selektiert werden. Bei einer ausreichend dichten Datenlage kann die KI schließlich eigenständig passende Vorschläge machen. Hierzu gehört zum Beispiel „call2hear“, eine spezielle Technik des Selffittings mit der das Hörgerät vom Träger selbst, per Smartphone, jederzeit auf seine individuellen Bedürfnisse hin feinabgestimmt werden kann. 

Durch den Einfluss künstlicher Intelligenz können auch Normalhörende ihre Hörwahrnehmung deutlich verbessern. Das liege unter anderem daran, dass die KI umsetzen kann, was rein physikalisch eigentlich nicht möglich ist, erklärt Jochen Keibel. Zum Beispiel einen bestimmten Sprecher aus einem Stimmengewirr herauszufiltern. Diese und alle anderen Vorteile sind laut Jochen Keibel der Grund, warum es bereits jetzt Menschen gibt, die sich Hörgeräte anfertigen lassen, ohne sie aus medizinischer Sicht zu benötigen. Stattdessen liegt der Fokus dabei auf der Erweiterung und Verbesserung der vorhandenen Fähigkeiten und damit bei der Optimierung des Selbst. 

„Der Weg zum Cyborg geht weiter“, ist Jochen Keibel überzeugt und verweist auf den Einfluss von Technik-Innovatoren wie Elon Musk. Der als Mitbegründer von PayPal und als Tesla-Chef bekannt gewordene Unternehmer entwickelt zurzeit eine Mensch-Maschine-Schnittstelle. Bereits jetzt konnten erfolgreich Sensoren ins Gehirn implantiert werden, die sich per Bluetooth über das Smartphone steuern lassen. Was zunächst motorisch eingeschränkten Patienten zugutekommen soll, wird sich nach Musks Überzeugung auf lange Sicht auch auf andere (Lebens-)Bereiche auswirken. Um den Zugang zu dieser Technik zu erleichtern, will er die Operation künftig so einfach gestalten, wie das Lasern einer Sehschwäche.