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Die Digitale Erziehung steckt noch in den Kinderschuhen

Von 21st Century Skills bis Medienratgeber: Was braucht es um Kinder fit für die Zukunft zu machen?

Die Digitale Erziehung steckt noch in den Kinderschuhen

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Die kommende Generation wächst mit einer Vielfalt an technischen Möglichkeiten auf. Doch nur, weil sie damit groß werden heißt das nicht, dass die Kinder automatisch richtig damit umgehen können. Um sich in einer immer komplexer werdenden Welt behaupten zu können braucht es Kompetenzen, die über IT bezogene Fertigkeiten hinausgehen. Doch wie sehen die aus und warum tun sich Eltern und Schule so schwer damit ihren „smarten“ Nachwuchs auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten? 

Digitale Erziehung: Eine komplexe Herausforderung

Kinder sind unsere Zukunft und die Zukunft ist digital. So kann man eine der komplexesten Herausforderungen zusammenfassen, der sich Eltern und Bildungssystem stellen müssen. Alltag und Arbeitswelt befinden sich im Umbruch, immer mehr Lebensbereiche werden von der Digitalisierung beeinflusst. Als „Digital Natives“ sind Kinder von Geburt an von smarten Alltagsbegleitern umgeben, Bildung und Job sind digital geprägt. Immer mehr Experten sind sich deshalb einig, dass digitale Kompetenz zu einer eigenen Kulturtechnik geworden ist. Sie zu beherrschen ist neben Lesen, Schreiben und Rechnen unabdingbar für ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe. Der souveräne und kritische Umgang mit Kommunikations- und Informationstechnologien muss jedoch erst erlernt werden. Dazu braucht es Anleitung. Diese müssen Kindern im Rahmen einer umfassenden digitalen Erziehung so früh wie möglich erhalten.

Mit digitaler Erziehung auf eine Welt im Fluss vorbereiten

Wie man ein Smartphone nutzt, Apps aktiviert, etc. schauen sich die Jüngsten schon früh von den Erwachsenen ab. Vieles andere lernen sie intuitiv. Um sich in einer digitalen Welt sicher zu bewegen, ist es jedoch nicht damit getan die zur Verfügung stehende Technik bedienen zu können. Ebenso wichtig sind bestimmte „weiche“ Kompetenzen. Diese unter dem Begriff „21st Century Skills“ zusammengefassten Talente sollen dabei helfen, in einer Gesellschaft, die sich durch den fortschreitenden Einfluss der Digitalisierung im stetigen Fluss befindet, zu bestehen. 

21st Century Skills: Digitale Erziehung muss Zukunftskompetenzen vermitteln

Im Rahmen einer Studie für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat das SINUS-Institut zahlreiche „Future Skill“-Konzepte gesichtet und ergänzt. Dabei haben sich sechs übergeordnete Kompetenzen herauskristallisiert:

  • Kommunikation (Angemessenes Benehmen, Aufgeschlossenheit, Fremdsprachenkenntnisse, mit anderen in Kontakt kommen können)
  • Kritisches Denken (souveräner Umgang mit Computern, Informationen filtern können, Dinge kritisch hinterfragen, Probleme lösen können, Fake News erkennen, Umweltbewusstsein, faire Produktionsbedingungen einschätzen können)
  • Kollaborationsfähigkeit (Empathie, Teamarbeit, Führungsqualitäten, offene Kommunikation)
  • Kreativität (Neugierde, Ideen entwickeln, sich weiterbilden)
  • Coolness (kühlen Kopf bewahren, Zeit richtig einteilen, Selfcare)
  • Charisma (Sich selbst und Ideen verkaufen können, vor anderen präsentieren können)

Learning by Doing vs digitale Erziehung

All diese Fähigkeiten sind bei jedem Menschen zwar im Grundsatz angelegt, müssen jedoch ausgeprägt und weiterentwickelt werden. Diese Form der digitalen Erziehung ist Aufgabe von Familie und Schule. Doch obwohl das Digitale zur Lebenswelt der Eltern gehört, gibt es ein Problem. Die erste Generation der „Digital Natives“ hat die Anfänge der Digitalisierung miterlebt und konnten gemeinsam mit ihr wachsen. Sie erlebten die Geburt von Handy und Smartphone, nutzten die ersten Social Media Plattformen und konnten sich Stück für Stück in die immer komplexer werdende Nutzungsmöglichkeiten hineinarbeiten. „Learning by Doing“ lautete das Motto einer Welt, die sich immer weiter entfaltete. Den Begriff „Digitale Erziehung“ gab es damals noch nicht. Die Kinder von heute dagegen werden in ein Meer aus Angeboten geworfen. Ihre Eltern müssen Fragen beantworten, die noch niemand gestellt hat und Richtungen aufzeigen, die es wohl erst in ein paar Jahren geben wird. 

Digitale Erziehung bedeutet nicht Erziehung digital!

Auch wenn den Erwachsenen der Umgang mit der neuen Kulturtechnik nicht fremd ist, fühlen sie sich darin keineswegs sicher. Denn das Spektrum der zu beherrschenden Möglichkeiten, Funktionalitäten und Risiken wächst stetig, doch nur die wenigsten haben die Zeit oder den Willen sich damit intensiv zu beschäftigen. Vielmehr wächst die Gefahr, die digitale Erziehung an eben die Medien weiterzugeben, in deren Umgang der Nachwuchs geschult werden muss. Zu verführerisch der Gedanke, dass die auf verschiedene Altersstufen zugeschnittenen Angebote das Kind schon richtig fordern und fördern werden. Hinzu kommt smartes Spielzeug, das den Eltern das Leben erleichtern will. Integrierte Funktionen wie Gesichtserkennung, Biosensoren, Mikrofone und Co. sind jedoch datenschutztechnisch fragwürdig.

Analoge Primärerfahrungen sind Teil der digitalen Erziehung

Im Gegensatz zu den meisten anderen Erziehungsfragen gibt es für die digitale Erziehung kaum fundierte Ratgeber und nur eine dünne Erfahrungsgrundlage, auf die man zurückgreifen kann. Gut gemeinte Ratschläge, Kinder erst so spät wie möglich mit digitalen Medien in Kontakt kommen zu lassen sind jedoch kontraproduktiv. Den Nachwuchs aus der digitalen Welt auszuschließen erschwert ihm den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft. Trotzdem darf sich die Erziehung nicht nur darauf fokussieren. Wichtig um die „weichen Kompetenzen“ entwickeln zu können sind sogenannte „Primärerfahrungen“, also Erfahrungen, die man durch ein wirkliches Erleben der echten, analogen Umwelt sammelt. Wie fühlen sich zum Beispiel Pflanzen, Tiere, Wasser, Feuer oder ein Waldboden an? Wie verhalten sich die Dinge und wie reagieren andere Lebewesen auf mich und in bestimmten Situationen? Auch Gerüche, Geschmäcker und das körperliche Empfinden wie Hitze, Kälte müssen erlebt werden. Die Erfahrung im digitalen Raum kann dies niemals ersetzen.

Langzeitstudie soll Grundlagen für die digitale Erziehung schaffen

Wie wenig Orientierungspunkte es in Sachen digitale Erziehung aktuell gibt, zeigt auch der Umstand, dass erst 2017 eine Langzeitstudie angestoßen wurde. Sie stellt die Frage, wie die Welt in 100 Jahren aussehen wird, und versetzt zehn reale Kinder (Jahrgang 2015) in verschiedene Zukunftsszenarien. Die Studie „Die Zukunft deiner Kinder“ zeigt mögliche Lebenswege auf und gleicht diese später an festgelegten Zeitabschnitten mit den realen Lebensläufen der Teilnehmer ab. Die daraus resultierenden Daten geben Hinweise darauf, welche Kompetenzen und Fähigkeiten wichtig sind, um in einer sich rasant verändernden Welt zu bestehen. Erkenntnisse, von denen jedoch erst die nächste bzw. übernächste Generation in Fragen der digitalen Erziehung profitieren wird – also genau die, die jetzt auf einen sicheren Weg gebracht werden muss.

Hilfe bei der digitalen Erziehung kommt aus dem Web

Völlig ohne Anhaltspunkte stehen Eltern und Erzieher jedoch nicht da. So gibt es zahlreiche Initiativen und Plattformen, die bei der digitalen Erziehung unterstützen wollen. Dazu gehört beispielsweise die EU-Initiative „klicksafe“. Auf der Webseite, die Internetnutzern die kompetente und kritische Nutzung von Internet und Neuen Medien vermitteln will, werden verschiedenste Themenbereiche behandelt. Die Plattform richtet sich in erster Linie an Eltern und Pädagogen, es gibt aber auch eigene Inhalte für Kinder und Jugendliche.

Auch „Schau hin!“ will bei der Medienerziehung helfen. Der Ratgeber für Familien informiert über aktuelle Entwicklungen der Medienwelt und verrät Wissenswertes zu den unterschiedlichen Themen. So erfährt man zum Beispiel mehr über Soziale Netzwerke, Apps, Videospiele, Smartphone und Tablet, etc. Unter dem Motto „Verstehen ist besser als Verbieten“ setzt sich die Plattform dafür ein, dass Eltern und Kind die Welt der Medien gemeinsam entdecken sollen – digitale Erziehung auf Augenhöhe also. Zahlreiche Tipps für die praktische Umsetzung im Familienalltag gibt es außerdem dazu.

Quellen:

1. https://www.bmbf.de

2. https://www.digitalisierung-bildung.de

3. https://www.schau-hin.info

4. https://www.zukunft.business

5. https://www.klicksafe.de