Newsroom
Avatar Michael Wieden

„Die Digitalisierung ist nicht die Lösung für alle Probleme“

In seinem Statement reflektiert Michael Wieden über die Vor- und Nachteile der Digitalisierung – und plädiert für einen bewussteren Umgang mit den Möglichkeiten, die der technische Fortschritt bietet.

12. Juli 2019 Lesezeit ca. 4 Min.
Avatar

author:

„Die Digitalisierung ist nicht die Lösung für alle Probleme“

5 min Lesezeit
Reading Time: 4 minutes

Michael Wieden ist Betriebswirt, IT-Manager im Bereich Neue Medien, E-Commerce-Manager, Speaker  und Autor. Zu seinen Kernthemen gehören mobile Arbeitsformen und die Chronobiologie, die sich (vereinfacht ausgedrückt) mit der inneren Uhr beschäftigt. Welche Auswirkungen der Schlaf-Wach-Rhythmus auf den Menschen und seine Leistungsfähigkeit hat, und wie diese Erkenntnisse genutzt werden können, um Arbeit effizienter und gleichzeitig gesünder zu gestalten, darüber informiert Wieden in Vorträgen, Workshops und Büchern. So erschien 2012 „Liquid Work – Arbeiten 3.0“, in dem es um den bewussten und nachhaltigen Umgang mit der Ressource Mensch geht. „Chronobiologie im Personalmanagement“ erschien 2016 und erweitert die Erkenntnisse des ersten Buches. Wieden zeigt darin unter anderem auf, welche Möglichkeiten das Thema „Gesundheit“ innerhalb der HR-Strategie bietet. 

 „70 Prozent der Menschen arbeiten gegen ihre innere Uhr“, erklärt Michael Wieden. „Wer morgens mit dem Wecker aufwacht, hat nicht ausgeschlafen“. Ein echtes Problem, denn in der zweiten Hälfte des Nachtschlafes findet ein wichtiger Teil der mentalen Regenerationsarbeit statt. „Die Frage lautet deshalb, wie man die Arbeit verträglicher, das heißt besser abgestimmt auf den jeweiligen Chronotyp  (z.B. Eule, Lerche), gestalten kann“. Wichtig sei es dabei jedoch, den Schlaf als Ganzes zu betrachten. „Eben wie beim Haareschneiden. Ein guter Haarschnitt besteht auch nicht nur aus Spitzenschneiden oder Föhnen, sondern aus der professionellen Kombination aller Elemente“.

Michael Wieden

Digitalisierung als zweischneidiges Schwert

Bei der Beantwortung dieser Frage spielt die Digitalisierung eine große Rolle, und zwar als zweischneidiges Schwert. Zu den positiven Effekten zählt Michael Wieden, dass sie neue, flexiblere Arbeitsformen ermöglicht, wie beispielsweise das Homeoffice. Dieses erlaube es den Mitarbeitern nicht nur in ihrem eigenen Rhythmus zu arbeiten, sondern biete ihnen auch die Chance, den positiven Effekt von Sonnenlicht auf den Organismus zu nutzen. Außerdem könne die Umwelt entlastet werden, da sich der Berufsverkehr deutlich reduziert. „Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass man direkt Zuhause am Schreibtisch sitzt. Ich arbeite zum Beispiel gerne in Cafés oder Co-Working-Spaces“, so Wieden. Diese Optionen werden jedoch noch viel zu wenig genutzt. „Die meisten Unternehmen schöpfen das Potenzial nicht aus, da sie an alten Dogmen festhalten“, erklärt der Experte. Dazu gehöre zum Beispiel das Führen „auf Sicht“, was außerhalb des Büros und abseits standardisierter Arbeitszeiten eben nicht möglich sei. Der Wegfall an „Sichtkontrolle“ wird hier daher quasi digitalisiert durch Überwachung via Software, was aber lediglich „alten Wein in neuen Schläuchen“ bedeutet. 

Michael Wieden

Trotz der Vorteile steht Michael Wieden den Errungenschaften der Digitalisierung auch kritisch gegenüber: wie der ständigen Erreichbarkeit, durch Smartphone und Co. So sei es für Viele nicht ungewöhnlich in der Nacht aufzuwachen und schnell die Mails oder soziale Netzwerke  zu checken. Dies wirke sich messbar auf den Schlaf und dessen Qualität aus. Auch würde der Zeitvorteil, der durch die Möglichkeiten der Digitalisierung entsteht nicht zur Regeneration genutzt. Zwar könne man Aufgaben heute in schnellerer Zeit erledigen, das führe jedoch nicht dazu, das man mehr Zeit für sich hat. Dabei vergleicht Wieden den Körper mit seinem individuellen Schlafbedürfnis mit einem Smartphone. „Nutzt man das Mobiltelefon viel, muss man sich auch die Zeit nehmen, den Akku öfter aufzuladen. Das Gleiche gilt für den Körper“. Es sei wichtig einen stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeit zu legen, sich also seine natürliche Regenerationsfähigkeit zu bewahren. Wie wichtig dies ist, erklärt der Chronobiologie-Experte an einem Beispiel. „In den letzten 30 Jahren hat sich die durchschnittliche Schlafdauer um 1,5 Stunden reduziert. Gleichzeitig ist die mentale Belastung jedoch gestiegen“. Letzteres liege unter anderem daran, dass die Digitalisierung aus vielen Einzelaktivitäten besteht, von dem jede Aufmerksamkeit fordere. Wir haben aber nur 100 Prozent Aufmerksamkeit. An diesem Punkt spielt der begriff Multitasking eine Rolle, eine Fähigkeit, die – wissenschaftlich belegbar – nicht existiert.

Bei Neuentwicklungen langfristig denken

„Die Digitalisierung ist nicht die Lösung für alle Probleme und sollte kritisch hinterfragt werden“, macht Wieden deutlich. So würden die langfristigen Auswirkungen bei vielen Entwicklungen oft nicht richtig berücksichtigt. Als Beispiel vergleicht er Bücher mit E-Readern. Während sich das normale Buch bei entsprechender Beleuchtung gut als Einschlafhilfe eignet, beeinflussen Kindle und Co. den Schlafrhythmus, da sie teilweise nach wie vor keinen Blaulichtfilter besitzen. „Sie strahlen Blaulicht aus, das dem Körper signalisiert, dass Tag ist, was wiederum die Melatoninausschüttung beeinflusst“, erklärt er. 

„Generell finde ich es schwierig alles, was analog ist, zu digitalisieren, ohne zu hinterfragen, ob es Sinn macht“, so Michael Wieden. Ihm ist es wichtig sich im Vorfeld darüber Gedanken zu machen, ob die Weiterentwicklung wirklich von Vorteil ist – auch in Hinblick auf den ökologischen Fußabdruck. Denn auch elektronische Dienste sowie die zugehörigen Endgeräte benötigen Energie und greifen auf verschiedenste Ressourcen zurück. Zum Beispiel auf seltene Metalle, die für die Produktion von Smartphone und Co gewonnen werden müssen. Auch der hohe Energiebedarf des Internets und die immer kurzzyklischere Entsorgung der alten Geräte müssen in die Betrachtung mit einbezogen werden.

Michael Wieden

Der ökologische Fußabdruck aus analoger und digitaler Sicht

Unter diesem Aspekt sieht Michael Wieden auch den digitalen Kassenbon. Selbst Apps wie die Kassenzettel App admin besitzen seiner Ansicht nach einen messbaren ökologischen Fußabdruck, der zurzeit jedoch geringer sei als der ausgedruckter Bons. Einerseits, weil durch das Thermopapier der haptischen Quittungen Giftstoffe in die Umwelt gelangen, andererseits, weil durch das ständige Ausdrucken der Zettel Tonnen an Papier verschwendet werden. „Was den Aspekt Klimawandel angeht, bin ich absolut dafür möglichst viele Elemente aus der Rechnung herauszunehmen“, so Wieden, der damit auch den gedruckten Kassenzettel meint. Ein dauerhafter, objektiver Vergleich zwischen digitalem und Printbon sei jedoch erst möglich, wenn der gedruckte Zettel und der Umgang mit diesem im Sinne der Nachhaltigkeit optimiert würde. Dann erst könne man entscheiden, welcher ökologische Fußabdruck kleiner wäre bzw. welche negative Auswirkungen auf die Gesundheit geringer wären– der analoge oder digitale. 

https://paedagogik-news.stangl.eu/multitasking-eine-illusion/
https://give.brighamandwomens.org/light-emitting-devices-sleep/