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Es liegt auch in der Verantwortung des Verbrauchers, sich zu informieren

Dr. Janina Loh ist Technikphilosophin und kritische Posthumanistin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Roboterethik, Trans- und Posthumanismus sowie feministischer Technikphilosophie.

28. Oktober 2019 Lesezeit ca. 4 Min.
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Es liegt auch in der Verantwortung des Verbrauchers, sich zu informieren

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In ihrem Statement gibt Dr. Janina Loh einen Einblick in die philosophischen Fragen der Roboterethik und schlägt einen Bogen zum Umgang mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Dabei plädiert sie für eine bessere Transparenz im wissenschaftlichen Diskurs, sieht aber auch den Verbraucher in der Pflicht, sich selbstständig zu informieren.

Während sich Gesellschaft und Wirtschaft noch mit den Chancen und Auswirkungen der Digitalisierung auseinandersetzen, Digital Payment und Anwendungen wie die Kassenzettelapp admin versuchen, den Alltag zu erleichtern, ist die Wissenschaft schon weiter. Der Sprung von einfachen Anwendungen, hin zu komplexen Systemen ist getan, die Frage danach, wie die technische Entwicklung zum Vorteil des Menschen (und darüber hinaus) genutzt werden können, steht im Raum. Gleichzeitig tauchen Fragen über die Moral und die Grenzen von menschlichem und maschineninduziertem Handeln auf. Ein Spannungsfeld, das die Technikphilosophie beleuchtet, eine Disziplin, die wiederum den Spezialbereich der Roboterethik beinhaltet sowie die Strömungen des Trans- und Posthumanismus kritisch beleuchtet.

Dr. Janina Loh (Bild: Andreas Vollmer)

In den Diskursen um den Trans- und Posthumanismus gibt es laut Dr. Janina Loh drei Strömungen: Transhumanismus, technologischer Posthumanismus und kritischer Posthumanismus. Ersterer beschäftigt sich mit der Modifizierung, Weiterentwicklung und Optimierung des Menschen, der sich in ein posthumanes Wesen verwandeln soll. Dieses wurde mittels technischer Möglichkeiten verbessert, ist dabei jedoch immer noch menschlich. Der technologische Posthumanismus geht weiter und will den Menschen im Ganzen überwinden. Dabei geht es primär um die Schaffung einer Künstlichen Superintelligenz (KI), die den nächsten Schritt in der Evolution darstellt und sich selbst weiterentwickelt. Dr. Janina Loh zählt sich selbst zur dritten Strömung. Als kritische Posthumanistin möchte sie den Menschen nicht technisch optimieren, sondern hinterfragt das bestehende humanistische Menschen- und Weltbild mit seinen bestehenden Dichotomien aus Mann und Frau, Natur und Kultur, etc. Dadurch soll mit dem konventionellen Denken gebrochen werden, was wiederum dazu beiträgt, den Menschen in seiner jetzigen Form zu überwinden.

Viele dieser Ansätze spielen auch in der Roboterethik eine Rolle. „Die Roboterethikerin bzw. der Roboterethiker stellt sich generell die Frage, welche moralischen Werte beim Bau von, im Umgang mit und Handeln von Robotern anzusetzen sind. Das eine roboterethische Arbeitsfeld behandelt die Frage, ob Roboter selbst in der Lage sind, moralisch zu handeln“, so Janina Loh. Um dies herauszufinden, müsse man jedoch zunächst reflektieren, was moralisches Handeln beim Menschen überhaupt bedeutet, und ob Maschinen dies umsetzen können. „Etwas, das man sich auch schon lange, beispielsweise bei Tieren fragt“, erklärt Loh.

Dr. Janina Loh (Bild: Andrea Vollmer)

Im zweiten roboterethischen Arbeitsfeld wird darüber nachgedacht, inwiefern Roboter moralische Handlungsobjekte sind. Darunter fallen laut Dr. Janina Loh zum Beispiel Therapieroboter und Pflegeroboter, Militärroboter und Sexroboter. Hier entscheidet weiterhin der Mensch über die moralischen Werte, die der Maschine implementiert werden. Roboter selbst können nicht moralisch handeln. Ebenfalls beleuchtet wird der Umgang mit, und die Beziehung zu Robotern. „Es muss definiert werden, was wir alles mit ihnen tun können. Wie können wir mit ihnen umgehen? Was sagt dieser Umgang über uns aus?“, fasst Loh zusammen. Setzt man hier nun mit den Fragestellungen des kritischen Posthumanismus an, wird wiederum die Unterscheidung von Subjekt und Objekt sowie deren moralischer Handlungskompetenzen hinterfragt. Hier überschneidet sich der kritische Posthumanismus mit diesem dritten roboterethischen Arbeitsfeld, den sogenannten inklusiven Ansätzen.

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Dr. Janina Loh (Bild: Andrea Vollmer)

Der Mensch steht dem Roboter, wie auch allen anderen autonomen Systemen, häufig mit Skepsis gegenüber. Diese wird für gewöhnlich stärker, je tiefer die Maschinen in die eigene Intimsphäre eingreifen. „Das gilt vor allem für Tätigkeiten, die mit direkter Interaktion mit Menschen zu tun haben.“, erklärt Loh. Diese Skepsis gründe auf der Frage, ob es sinnvoll ist, Maschinen auf Positionen einzusetzen, wo eine Form der emotionalen Interaktion notwendig ist – zum Beispiel in der Pflege. Ebenfalls vorsichtig begegnet man solchen Maschinen, die in Bereichen agieren, in denen Menschen zu Schaden kommen können, wie in der Chirurgie oder beim Militär. „Aufgrund mangelnder Informationen wird vieles verallgemeinert und es herrscht ein schwarz-weiß Denken“, erklärt Dr. Janina Loh. So würden die meisten nicht wissen, dass Roboter in der Pflege bislang lediglich als Unterstützung der menschlichen Pflegekräfte fungieren und ebenso in der Medizin nur assistieren. Die eigentliche Arbeit wird vom Menschen ausgeführt, denn „es handelt sich um Tätigkeiten mit einer hohen moralischen Verantwortung“. Loh betrachtet den Diskurs im Ganzen als intransparent, da er hauptsächlich auf wissenschaftlicher Ebene geführt wird. 

Dr. Janina Loh (Bild: Andrea Vollmer)

Neben der schlechten Informationsvermittlung sieht Dr. Janina Loh das Problem jedoch auch auf der Seite der individuellen Konsument*innen: „Sie informieren sich selbst nicht näher“. Das sei auch im Bereich der Digitalisierung zu spüren, wo sich laut Loh eine gewisse Bequemlichkeit zeigt. „Wir verwenden Smartphones und Suchmaschinen, nutzen wie selbstverständlich das globale Finanzmarktsystem, das auf Basis von Algorithmen arbeitet, und stellen das nicht infrage“. Dr. Janina Loh ist der Meinung, dass es nicht allein die Aufgabe der Unternehmen ist, alle relevanten Informationen zur Verfügung zu stellen. „Es liegt auch in der Verantwortung der Verbraucherin sowie des Verbrauchers, sich zu informieren“. Insgesamt wünscht sich Janina Loh in Sachen Digitalisierung mehr Transparenz und Verständnis von beiden Seiten – den fraglichen Unternehmen und den individuellen Konsument*innen.

Bezüglich der Nutzung spezifischer Anwendungen stellt Dr. Janina Loh mehrere Fragen in den Raum. Da sei zunächst die Frage nach der Datenerhebung. „Welche Daten werden erhoben, wo und in welcher Art gespeichert?“ Darüber müsse der Konsument informiert werden, denn nur so könne er entscheiden, ob er den Dienst nutzen möchte oder nicht. Aus philosophischer Sicht müsse auch die Frage nach einer potenziellen Exklusion und Inklusion gestellt werden. Schließt ein solcher Service Menschen aus, die ihre persönlichen Daten aus dem virtuellen Raum heraushalten wollen oder gar kein Smartphone haben? Die Frage der Ausgrenzung ist laut Loh im Zusammenhang mit der Digitalisierung nur schwer zu überschätzen. Es besteht die Gefahr, dass all jene ausgegrenzt werden, die sich entweder kein Smartphone leisten können oder wollen, oder die dasselbe kritisch nutzen und nicht alle Möglichkeiten unreflektiert ausschöpfen. Das beginne bereits in der Schule, wo bestimmte Inhalte nur noch digital zur Verfügung gestellt und einige Diskurse rein per Smartphone geführt werden.