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Digitalisierung heißt vor allem neue Wege zu finden

In seinem Statement setzt sich Wehrmann mit den Herausforderungen der Digitalisierung für etablierte und neue Unternehmen auseinander und erklärt, welche Rolle das Thema Technik bei einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie spielt.

18. September 2019 Lesezeit ca. 4 Min.
Wehrmann über die Digitalisierung
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Digitalisierung heißt vor allem neue Wege zu finden

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Dr. rer. pol. Jens Wehrmann ist promovierter Wirtschaftsinformatiker und studierte E-Technik, BWL und Entrepreneurship in Aachen und Boston. Der in München lebende Gründer und Geschäftsführer der Mobile Software AG begleitet mit seiner Agentur Start-ups sowie zahlreiche bekannte Unternehmen in den Bereichen Digitalisierung und Mobile-Strategie.

Speziell für Unternehmen, die auf eine lange, weitestgehend „undigitale“ Geschichte zurückblicken können, sei das Thema Digitalisierung eine große Herausforderung erklärt Dr. rer. pol. Jens Wehrmann. Denn je länger eine Firma existiert und umso weniger sie in dieser Zeit von den sich stetig entwickelnden digitalen Möglichkeiten Gebrauch gemacht hat, desto schwieriger wird es, das Thema Digitalisierung erfolgreich in der DNA des Unternehmens zu verankern. Dies hat nach der Ansicht von Wehrmann mehrere Gründe. So müsse man sich als außenstehende, beratende Instanz darüber im Klaren sein, dass man niemals den kompletten Überblick über die inneren Strukturen eines Unternehmens haben wird. Diese haben sich über die Jahre entwickelt und mit ihren Abläufen und Ansprüchen etabliert. „Man kann nicht einfach von außen kommen, behaupten, dass man weiß, wie es geht und zeigen wollen, wie erfolgreiche Digitalisierung gelingt“, so Wehrmann. Vielmehr müsse man die Entscheidungsträger mitnehmen und alle Akteure abholen. „Man braucht sämtliche Teilnehmer einer Organisation, vor allem aber die Führungskräfte. Sie sind es, die die Veränderung auch wirklich wollen müssen, selbst dann, wenn sie keine Ahnung von der Materie haben“, erklärt der Wirtschaftsinformatiker. Man müsse zulassen können, dass etwas passiert, auch wenn man nicht genau versteht wie. Der Erfolg einer gelungenen Digitalisierungsstrategie hängt laut Wehrmann damit maßgeblich vom Kunden ab – und von der Bereitschaft in neuen Möglichkeiten zu denken.

„Digitalisierung heißt vor allem neue Wege zu finden und Möglichkeiten zu erschließen, z.B. bei der Erledigung der Arbeit, der Art seine Kunden zu bedienen oder auch Geld zu verdienen. Nur wer ein klares Ziel hat und den technischen Lösungsraum kennt, kann souverän gestalten”, fasst Wehrmann zusammen. Dabei gehe es nicht nur darum einen analogen Prozess digital zu machen, sondern sich zu fragen, was man verbessern oder vereinfachen kann. Als ein Beispiel nennt er den klassischen Brief. „Digitalisierung heißt eben nicht eine pdf-Datei per Email zu verschicken, sondern zu verstehen, was der Zweck der übermittelten Information ist und an welcher Stelle er semantisch am besten zuzuordnen ist. In vielen Fällen sei dies möglich, denn die digitalen Möglichkeiten böten Lösungsansätze, die früher nicht umsetzbar waren.

„Es ist wichtig sich Gedanken darüber zu machen, was einem am Ende wirklich weiterhilft“, so Wehrmann. Technik sei primär Mittel zum Zweck. Die Entwicklung einer App beispielsweise sei nicht immer sinnvoll oder zielführend, vor allem dann nicht, wenn es keine definierte Digitalstrategie oder klar formuliertes Ziel gäbe. „Einen Kanal zu schaffen, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen soll, führt am Ende nur dazu, dass alle unzufrieden sind“, weiß Wehrmann. Es gehe nicht nur darum zu schauen, was der Wettbewerber macht oder was es für tolle neue Möglichkeiten gibt, sondern darum, eine Nische zu finden, herauszufinden, wie viel Effekt man mit den vorhandenen Mitteln erreichen kann, ob der angepeilte Weg zukunftsfähig ist und ob man mit dem was und wie man es tut, im operativen Geschäft Geld verdienen kann. Das gelte für Start-ups ebenso wie für etablierte Unternehmen. Eine gelungene Digitalisierung bedeute zudem auch tief in die bestehenden Prozesse hinein zu gehen, um sie zu verstehen und Potenziale zu erkennen, „Das kann durchaus auch mal unangenehm werden“, weiß Wehrmann.

Auch eine gut ausgearbeitete Digitalisierungsstrategie braucht Zeit – Zeit um sich zu entwickeln, Zeit für die Umsetzung, Zeit um integriert und akzeptiert zu werden. Das bezieht auch Services und Anwendungen mit ein, die im Zuge des Prozesses entstehen. Denn bei allen Annehmlichkeiten und Vorteilen, die Apps und Co bieten, ist es vor allem der Nutzer, der der Anwendung vertrauen muss. Als Beispiel nennt Dr. Jens Wehrmann den Zahlungsdienst Apple Pay, der in Deutschland langsam weiter an Boden gewinnt. Das kontaktlose Bezahlen per mobilem Endgerät ist zwar unkompliziert, sicher und schnell, doch traut dem nicht jeder. „Viele Menschen sind aufgeschlossen, ja fast überrascht, wenn das Bezahlen ganz problemlos funktioniert, andere dagegen trauen dem nicht“, so Wehrmann. In einer urigen Gaststätte in der Düsseldorfer Altstadt sei er quasi dazu gezwungen worden einen Beleg zu unterschreiben, weil man dort nicht glaubte, dass es ohne Unterschrift geht. „Die Herausforderung ist nicht die Technik, die ja funktioniert, sondern, dass die Menschen dieser vertrauen.“

Dies ist laut dem Digitalexperten auch eine große Hürde, die die Kassenzettelapp admin bei ihrem Erscheinen im nächsten Jahr nehmen muss. Dass die App eine Daseinsberechtigung hat, steht für ihn außer Zweifel. „Allein das Thema Garantie gerechtfertigt eine solche App“, so Wehrmann. Es komme so oft vor, dass man seine Quittungen im Garantiefall nicht wiederfindet. Ein weiteres Problem sei das Thermopapier, dass verblasst und deshalb eine händische Digitalisierung durch Einscannen sinnvoll macht. Selbst die Möglichkeit sich seine Belege per Mail zusenden zu lassen, sei wenig zufriedenstellend. Auch hier sei der Sucherfolg von der Fähigkeit zur Selbstorganisation des Nutzers abhängig. Zudem seien viele Mails schlecht verschlagwortet, sodass auch die Suchfunktion oft nicht weiterhilft. Aufgrund dieser Probleme kann z.B. bei Apple seit einiger Zeit auf Quittungen verzichtet werden. Gewährleistungsansprüche können durch die Seriennummer geltend gemacht werden. „Und trotzdem lassen Viele sich immer noch eine Quittung ausdrucken. Nur um sicherzugehen“, weiß Wehrmann. 

Dieses Sicherheitsbedürfnis müsse durch optimal funktionierende Technik und Verlässlichkeit erfüllt werden. Das gelte sowohl für den Kunden als auch für den Händler, der die Anwendung in seine Kasse integrieren muss. Darüber hinaus müssten die Menschen, die offen für die App und das neue System sind, erst mal davon erfahren. Wenn Kunde und Händler dann noch einen konkreten Vorteil in der Anwendung erkennen und bei der Nutzung am Ende das Gefühl steht etwas geschafft zu haben, was vorher so nicht möglich war, steht einer breitflächigen Akzeptanz jedoch wenig entgegen.