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Wie kann man Mädchen für IT begeistern?

Von Frühförderung bis Programmierkurs für Späteinsteiger: Es gibt viele Ansätze um die Digitalbranche weiblicher zu machen.

Wie kann man Mädchen für IT begeistern?

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Mädchen für IT zu begeistern: Das ist das Ziel zahlreicher Initiativen. Denn noch immer ist die Informatik primär männlich und das ist ein Problem. Einerseits kann es sich die Digitalbranche nicht leisten auf das weibliche Potenzial zu verzichten. Dazu wird der Fachkräftemangel bald zu groß sein. Andererseits fehlt es vielen Produkten an Diversität. So gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen was passiert, wenn Anwendungen nur von Männern entwickelt werden. Dazu gehören Sprachassistenten, die keine Frauenstimmen verstehen oder Gesundheits-Apps die hauptsächlich auf den männlichen Körper ausgerichtet sind. Darüber hinaus sind gemischte Teams kreativer im Finden von neuen Lösungsansätzen, wobei es nicht reicht einfach nur verschiedene Altersstufen und Erfahrungslevel zusammenzusetzen. Auch in der IT gilt, dass der Austausch konstruktiver und die Ergebnisse besser sind, wenn die Vielfalt möglichst groß ist. So handhabt es auch das Team, das die Kassenzettelapp admin entwickelte. An dessen Entstehung, Implementierung und Weiterentwicklung sind weibliche und männliche IT-Experten gleichermaßen beteiligt.

Das Interesse von Mädchen für IT sinkt in der Pubertät

Um den Frauenanteil in der digitalen Welt zu erhöhen muss früh angesetzt werden. Es gilt vor allem jungen Mädchen die IT „schmackhaft“ zu machen. Laut der Unesco-Studie „Cracking the Code“ unterscheiden sich beide Geschlechter bis zu einem Alter von etwa elf Jahren kaum in ihrem Interesse an MINT-Fächern. Danach beginnt die Prägung auf „typisch männlich, typisch weiblich“ zuzunehmen. Hier spielen Eltern und Lehrer eine große Rolle. Speziell Letztere tendieren dazu, die individuellen Fähigkeiten ihrer Schüler geschlechtsspezifisch zu bewerten. Dies führt dazu, dass das Interesse der Mädchen für IT sinkt. Im Alter von 15 / 16 Jahren bricht es so stark ein, dass es nie wieder an die Jungen anschließt. Dafür sorgt auch das verzerrte Bild des typischen Informatikers: Ein Nerd mit wenig sozialem Kontakte. Ein Sonderling, der optisch wie gesellschaftlich nicht „cool“ ist. Das Programmieren und Knacken von Codes gilt außerdem als unweiblich und das, wo die IT in ihren Anfängen eine reine Frauendomäne war. Es muss also an mehreren Stellen angesetzt werden, um eine dauerhafte Liaison zwischen Mädchen und IT zu schaffen. 

Mit Workshops und smarten Aktionen Mädchen und IT zusammenbringen

Die Initiative „Smile“ hat die Frühförderung im Fokus und will Schülerinnen durch Angebote zum Anfassen, Mitmachen und Forschen für die Informatik begeistern. Die Initiative von Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstituten in Hamburg, Bremen und Oldenburg will den Anteil von Frauen in der IT nachhaltig erhöhen. Den Mittelpunkt von „Smile“ bildet das Thema „Smarte Umgebungen“. Mit Workshops, Info-Veranstaltungen, praktischen Einblicken in IT-Berufsfelder und „Science Slams“ werden Mädchen und IT miteinander bekannt gemacht. 

Wie das Projekt Mädchen und IT konkret zusammenbringt, zeigt sich an den Workshops, die verschiedene kreative, technische und handwerkliche Ebenen verknüpfen. So können die Teilnehmerinnen bei „Mein smarter Roboter“ einen eigenen Roboter entwerfen, programmieren und ihn in eine virtuelle Welt bringen. Bei dem Workshop „Kissenschlacht“ verbindet sich Physical-Computing mit Textil, was bedeutet, dass die Mädchen ein Kissen nähen und dieses mit smarten Elementen ausstatten. Auch Platinenlöten oder praktische Einblicke in Forschungsgebiete der Kognitiven Neuroinformatik gehören zum Angebot.

Plattform „Digital Me“ zeigt: Mädchen und IT passen zusammen

An jungen Frauen, die sich Gedanken darüber machen, wohin es beruflich gehen soll, richten sich die Macher von „IT for Girls – Digital Me“. Das Projektteam entwickelte eine interaktive Plattform, die mit Spiel-, Informations-, und Erfahrungselementen dabei hilft die Heranwachsenden für zukunftsträchtige IT-Berufe zu begeistern. Wie gut Mädchen und IT zusammenpassen, beweist Anna, ein blauhaariges Mädchen mit Rucksack, das die Userinnen auf eine Reise durch ihre virtuelle Comic-Welt mitnimmt. Entlang des Weges gibt es viel zu entdecken. Man findet Informationen am „Straßenrand“ und kann in Gebäude eintreten. In diesen wird zum Beispiel erklärt, welche Aufgaben IT-Spezialistinnen im Bereich Betrieb & Service haben. Auch Themen wie Start-ups, IT und Medizin, Entwicklung & Design, autonomes Fahren und mehr werden behandelt. Hinzu kommt die Vorstellung von verschiedenen Berufen und die Möglichkeit, vieles selbst zu testen. So können sich die Mädchen bei IT Spielen im Webdesign ausprobieren.

Es braucht mehr weibliche Vorbilder, um Mädchen für IT zu begeistern

Fragt man die, die ihren Weg in die Digitalbranche gefunden haben danach, woran es liegt, dass sich so wenige Mädchen für IT interessieren, wird immer wieder ein Faktor genannt: Es fehlt an weiblichen Vorbildern. Frauen in „klassischen“ Berufen wie Ärztin, Lehrerin, Erzieherin und Co finden sich zu Hauf aber kaum eine Heranwachsende hat Kontakt zu Software-Entwicklerinnen, Systemadministratorinnen oder weiblichen IT-Consultants. Mit der Vorstellung von sogenannten „Role Models“ will die Plattform „IT for Girls – Digital Me“ Frauen vorstellen die sich für eine Karriere in der IT-Entschieden haben. In kleinen Videos erhalten die Mädchen und Jugendlichen Einblicke in deren Arbeitstag.

Auch das Online-Mentorin-Programm „CyberMentor“ setzt auf das Prinzip „Vorbild“. Bereits seit 2005 bringt das Projekt Schülerinnen der 5. bis 12. Klasse mit Frauen zusammen, die in MINT-Berufen tätig sind. Darunter auch Informatikerinnen. Ein Jahr wird ein Mentee von einer Mentorin begleitet. Dies erfolgt über eine geschützte Online-Plattform mit Mail, Chat und Forum. Außerdem erhalten die Teilnehmerinnen vielfältige Informationen zu Studium und Berufswahl.

Neues lernen geht immer: Frauen und Mädchen als IT Späteinsteiger

Doch auch wer als Mädchen für IT nur ein Randinteresse hegte und nicht frühzeitig gefördert wurde, hat später die Chance einzusteigen. „Rails Girls Berlin“ zum Beispiel organisiert kostenfreie Programmier-Workshops für Frauen. Dafür sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Genutzt wird die Software „Ruby on Rails“, die sich gut für Anfänger eignet. In kleinen Gruppen können sich die Teilnehmer so ganz entspannt und ohne Druck im Programmieren ausprobieren.

Auch die Macher von „Moinworld“ wollen IT interessierten Frauen den Weg in die Digitalbranche ebnen. Ziel ist es, den Anteil der weiblichen Software Entwickler und Manager im IT-Bereich auf 50 % zu erhöhen. Um das zu erreichen, bringen Sie Frauen und Mädchen mit IT zusammen, indem sie ihnen das Programmieren beibringen. Durch die enge Vernetzung mit der Entwickler-Community in Hamburg können die Teilnehmerinnen außerdem Projekterfahrung sammeln. Anfängerinnen finden bei „Moinworld“ ebenso Unterstützung wie professionelle Entwicklerinnen. 

Studieren unter Gleichgesinnten: IT-Studiengänge für Frauen

Die Angebote, die Frauen und Mädchen für IT und andere MINT-Berufe begeistern wollen machen auch vor Schulen und Hochschulen nicht halt. So bietet die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin seit 2009 ein Bachelorstudium an, dass exklusiv Studentinnen vorbehalten ist. Damit soll die Hemmschwelle gesenkt werden, die viele Frauen hindert ein Informatikstudium aufzunehmen. Viele fühlen sich dem Studium nicht gewachsen. Zudem wird den männlichen Mitstudenten häufig ein natürlicher Vorsprung angedichtet.

Die HTW wirbt dafür, in ihrem Studiengang bei null anzufangen, den gemischten Angeboten aber fachlich in nichts nachzustehen. Nur die Atmosphäre ist laut den Teilnehmerinnen anders: entspannter, rücksichtsvoller, geprägt von einer guten Zusammenarbeit und ohne Konkurrenzkämpfe. Seit der Studiengang existiert, hat sich der Anteil von IT-Studentinnen um ein Viertel erhöht. Auch in den USA gibt es einen Mangel an weiblicher IT-Professionals. Diesen wollen die Universitäten durch spezielle Angebote beseitigen, mit denen Frauen und Mädchen für IT begeistert werden sollen. So gibt es dort ebenfalls Studiengänge für die man sich ohne Vorkenntnisse immatrikulieren kann. Außerdem werden bestehende Programmierfähigkeiten bei der Zulassung nicht mehr bevorzugt. Die Themen sind praxisnah und das Tempo für Beginner langsamer. Dadurch konnte der Anteil weiblicher IT-Studenten aus bis zu 56 Prozent erhöht werden.

Mädchen und IT: Ein Potenzial das genutzt werden muss

Dies alles sind Beispiele, die zeigen, dass es viele Wege gibt, um Frauen und Mädchen für IT zu begeistern. Der Mangel an weiblichem Nachwuchs im Digitalen ist hausgemacht. Viel zu lange wurde sich auf eingefahrenen Mustern und gängigen Klischees ausgeruht. Doch es kommt Bewegung in die Branche und das nicht nur, weil die überschaubare Zahl der IT-Expertinnen immer stärker in das Licht der Öffentlichkeit tritt. Es ist schlichtweg notwendig, dass sich die Informatik das weibliche Potenzial erschließt, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Nur so kann sichergestellt werden, dass sich die Digitalisierung auch in Zukunft zum Vorteil aller weiterentwickeln kann.

Quellen:

1. www.tagesspiegel.de

2. www.unesdoc.unesco.org

3. www.smile-smart-it.de

4. www.it-for-girls.de

5. https://www.cybermentor.de

6. http://railsgirlsberlin.de

7. www.moinworld.de

8. www.derstandard.de

9. www.deutschlandfunk.de

9. www.t3n.de