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Recycling im großen Stil: Urban Mining

25. März 2021 Lesezeit ca. 4 Min.
Eine Großstadt wird aus der Vogelperspektive durch einen Maschendrahtzaun betrachtet - Urban Mining könnte die Lösung für die Ressourcenknappheit sein

Recycling im großen Stil: Urban Mining

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Rohstoffe wie Kohle, Öl und Eisen aus natürlichen Lagerstätten werden immer knapper. Schon jetzt gehen die Preise immer weiter in die Höhe und Experten prognostizieren einen zunehmenden Rohstoffmangel. Die Lösung dafür könnte buchstäblich direkt vor unseren Augen liegen: Denn unsere Städte sind im Prinzip riesige Rohstofflager. Ob Ziegel, Holz, Metalle aller Art oder Glas – sämtliche Rohstoffe sind tonnenweise in den Städten verbaut. Auf Müllhalden oder Schrottplätzen und in ungenutzten Gebäuden liegen diese Rohstoffe sogar völlig brach. Schätzungen zufolge befinden sich auf den Mülldeponien in Deutschland insgesamt mehr Eisenvorräte, als das ganze Land in einem Jahr verbrauchen würde. Doch wie kann man die ganzen Ressourcen aus der Wertanlage „Stadt“ nutzen? 

Denken in Wertstoffkreisläufen: Urban Mining

Übersetzt bedeutet der Begriff Urban Mining so viel wie „städtischer Bergbau“ und wurde erstmalig in den 1980ern aufgebracht. Der Grundgedanke ist, dass überall Rohstoffe lagern, welche durch eine Rückgewinnung wieder neu nutzbar wären. Auch wenn Deutschland kaum natürliche Ressourcenquellen hat, so verfügt es doch über immense Mengen an Rohstoffen, welche lediglich irgendwie verbaut sind. Hinzu kommt: In den 60er und 70er Jahren wurde noch kein Müll getrennt und auch auf Recycling wurde kein Wert gelegt. Aus diesem Grund liegen auf alten Deponien riesige Mengen an Metallteilen, Glas, Plastik, Papier und auch Elektroschrott

Das Ziel des Urban Minings ist, dass Abfallprodukte zukünftig keine Endprodukte eines ökonomischen Stoffwechsels sein sollen. Vielmehr sind sie als Rohstofflieferanten für neue Produkte zu betrachten. Dabei geht dies über bloßes Recycling hinaus. Während beim Recycling oft vom „Downcycling“ gesprochen wird, weil die Materialen an Wert oder Qualität verlieren, soll dies beim Urban Mining nicht passieren. Ein Beispiel dafür ist der Abriss von Gebäuden: Während normalerweise die Materialien wie Gips, Kalk und Sand zu Schutt verarbeitet werden und nur noch als minderwertiges Füllmaterial dienen, sollen die Materialien im Sinne vom Urban Mining beispielsweise direkt als Rohstoffe für neue Gebäude verwendet werden können.

So ist das Urban Mining ein Weiterdenken der Abfallwirtschaft und versucht weitestgehend eine Kreislaufwirtschaft zu erzielen. Es geht um die Wertschätzung und Weiterverwendung von Sekundärrohstoffen. Während Primärrohstoffe direkt aus der natürlichen Quelle stammen, wurden Sekundärstoffe schonmal verwendet und nur neu aufbereitet. Das Urban Mining begreift jedes benutzte Material als Kapital und nicht als Abfall.

Zerstörtes Mobiliar in einem leerstehenden Gebäude - im Sinne des Urban Minings eine Quelle für viele Rohstoffe
Foto von Peter H.

Vorteile vom Urban Mining

  • Kürzere Transportwege: Die Sekundärrohstoffe stammen aus der Stadt und sollen auch dort aufgearbeitet und wiederverwertet werden. So spart man sich die Emission und die Kosten für lange Transportwege oder sogar Importe aus dem Ausland.
  • Schonung der natürlichen Ressourcenquellen: Da keine neuen Bodenschätze geschürft werden müssen, wird nicht in die Ökosysteme eingegriffen. So werden zudem keine Schadstoffe freigesetzt und es ist auch keine extra Renaturierung nötig.
  • Vorbeugen von Knappheit: Durch den Rückgriff auf bereits gebundene Rohstoffe werden keine neuen benötigt. Wenn in dem Kreislauf nichts verloren geht, kann auch keine Knappheit entstehen.
  • Keine Müllverbrennung: Besonders in Deutschland boomen die Müllverbrennungsanlagen. Sogar die Nachbarländer lassen ihren Müll hier verbrennen, weil es so günstig ist. Doch durch die Müllverbrennung werden nicht nur Rohstoffe zerstört, sondern auch große Mengen an CO2 freigesetzt.
  • Geringere Kosten: Da weder Kosten für die Entsorgung noch für die Deponierung von jeglichen Abfallstoffen anfallen würden, sinken die Nachsorgekosten erheblich. Zudem ist die Aufbereitung vorhandener Ressourcen mit der richtigen Technologie auch kostengünstiger als die Gewinnung neuer Ressourcen.
  • Attraktivere Städte: Durch den Wegfall von Deponien wird mehr Platz und ein attraktiveres Stadtbild geschaffen. Zudem entsteht durch den Ausbau der Recyclingwirtschaft ein neuer großer Arbeitsmarkt.

Ein gutes Beispiel für die erfolgreiche Nutzung von Sekundärrohstoffen im Sinne des Urban Minings ist die Villa Welpeloo in Enschede. Das gesamte Gebäude stammt hauptsächlich aus Reststoffen der Industrie. Allein die Stahlkonstruktion besteht zu fast 90% aus recycelten Metallteilen. Hätte man den gesamten Stahl für die Villa neu produziert, wäre 8 Mal so viel CO2-Emission entstanden.

Bisherige Schwierigkeiten

Das größte Problem des Urban Minings ist derzeit die große Lücke der Informationen. Stell dir vor, du stehst vor einem Gebäude aus den 50ern, welches abgerissen werden soll. Vermutlich hat niemand einen exakten Überblick darüber, wann welches Material wo eingebaut wurde. Daher ist es schwierig, die Sachen so abzubauen, dass alles als Sekundärrohstoff nochmals verwendet werden kann. Die Herausforderung des Urban Minings ist also nicht nur die Technik hinter dem Abbau und der Wiederverwertung. Schon bei der Herstellung von Produkten und Gebäuden muss daran gedacht werden, dass alle Rohstoffe wiederverwendet werden sollen. Urban Mining beginnt also nicht am Ende des Wertstoffkreislaufs, sondern streng genommen schon am Anfang.

Cradle to Cradle

Genau diesen Gedankengang greift das Prinzip „Cradle to Cradle“ auf. Übersetzt heißt dies so viel wie „Von der Wiege zur Wiege“ und wurde Ende der 1990er vom deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt. Es stellt das Gegenteil zu unserer derzeitigen Wegwerfgesellschaft und damit dem Kredo „Cradle to Grave“ (Von der Wiege bis zur Bahre) dar. Der Grundgedanke dahinter ist, dass schon bei der Konstruktion und Herstellung aller Produkte an die Wiederverwertbarkeit gedacht werden soll. Insgesamt soll so ein Kreislauf entstehen, in dem nichts verloren geht.

Dabei wird zwischen Verbrauchs- und Gebrauchsprodukten unterschieden. Ein Beispiel für die Herstellung eines Verbrauchsgutes ist die Entwicklung eines biologisch abbaubaren T-Shirts. Sobald es kaputt ist, schmeißt du es einfach auf den Komposthaufen. Dort wird es zersetzt und es entsteht eine nährstoffreiche Erde. Die darin wachsenden Pflanzen dienen als Rohstoffe für neue Güter. Anders könnte der Umgang mit Gebrauchsgütern sein. So gibst du Geräte wie eine Waschmaschine nach einigen Jahren einfach zurück zum Hersteller. Dieser konstruiert seine Produkte so, dass er sie einfach in seine Einzelteile zerlegen und neu verwerten kann. So entsteht direkt ein neuer Produktionsprozess.

Auch wenn einige Unternehmen bereits ihre Produktion umstellen und sich sogar für eine Cradle to Cradle Herstellung zertifizieren lassen können, sind dies derzeit im großen Stil nur Zukunftsvisionen. Dennoch kann abschließend gesagt werden, dass das Urban Mining und besonders Cradle to Cradle große Chancen für die Umwelt und auch die Wirtschaft bedeuten.

Eine Stadt mit viel Grün - Urban Mining würde auch das Stadtbild verändern
Foto: Nancy Bourque

https://www.wasistwas.de/archiv-technik-details/was-ist-urban-mining.html

https://reset.org/knowledge/urban-mining-–-die-stadt-als-rohstofflager-06222015

https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/muell/muellentsorgung/pwieurbanminingdiestadtalsrohstofflager100.html

https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/urban-mining/

https://www.dw.com/de/recycling-umwelt-urban-mining-abfall-entsorgung-schrott-rohstoffe-uba-umweltbundesamt/a-42756166

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Urban-Mining-Die-Stadt-als-Rohstofflager,urbanmining104.html

https://www.mdr.de/wissen/antworten/urban-mining-die-rohstoffe-der-staedte-100.html

https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/abfallwirtschaft/urban-mining#strategie-zur-kreislaufwirtschaft-

https://www.axians.de/de/blog/2020/01/23/urban-mining-staedte-als-ressourcen-einer-nachhaltigen-zukunft/

https://www.zeit.de/wirtschaft/2010-03/urban-mining/seite-2?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com

https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/edelmetalle-urban-mining-wie-recycling-einen-neuen-goldrausch-in-japan-ausloest/25361876.html?ticket=ST-4009951-NTOjBC94GR7NjibmWzJ1-ap6

https://www.energiezukunft.eu/bauen/die-stadt-als-ressource/

https://www.careelite.de/urban-mining/

https://www.natureplus.org/index.php?id=11&L=2&tx_news_pi1%5Bnews%5D=1207&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=9225bc716663af4e8070a1b2a8ad661a

https://gruenderplattform.de/unternehmen-gruenden/cradle-to-cradle

https://www.bund-stuttgart.de/muster-und-vorlagen/default-1d29b03459/meldungen/detail/news/cradle-to-cradle-zum-weltumwelttag/