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Solastalgie – der Kummer des Klimawandels

10. Mai 2021 Lesezeit ca. 4 Min.
Ein weißes Windrad in einer grünen Landschaft - Solastalgie wird durch Veränderungen in der Heimat hervorgerufen

Solastalgie – der Kummer des Klimawandels

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Die komplette Geschichte der Menschheit ist geprägt von Naturkatastrophen, Kriegen und sich entwickelnden Kulturen. Im Zuge dessen hat sich schon immer die Landschaft und somit auch die Heimat vieler Menschen verändert. Besonders während der Industriellen Revolution konnte eine drastische Verwandlung der Umwelt beobachtet werden. Doch die Veränderungen im 21. Jahrhundert haben eine nie dagewesene Geschwindigkeit aufgenommen.

Die zunehmenden Hitzewellen, flächendeckende Brände, Sturmfluten, das Artensterben und der steigende Meeresspiegel gehören zu den offensichtlichsten Symptomen des anthropogen Klimawandels. Die Veränderungen, die unsere Heimat erleidet, gehen nicht spurlos an uns Menschen dabei. Schon lange diskutieren Psychologen eine zunehmende Klimaangst, also die Angst vor den Konsequenzen des Klimawandels. Doch auch ein anderes Gefühl schlägt immer mehr Menschen auf das Gemüt: Die Solastalgie. Die Geschichte dieses Begriffs ist gleichzeitig auch die Geschichte seines Entwicklers.

Bedeutung und Geschichte

Die Region Hunter Valley im australischen Bundesstaat New South Wales war einst berühmt für die satten Felder, riesigen Farmen und seine Weingüter. Doch wie viele andere Regionen auch, mussten große Teile der einst malerischen Landschaft als eine Art Kollateralschaden dem Kohlebergbau weichen. Einer der Einwohner war Glenn Albrecht, ein Professor für Environmental Studies. Er und die übrigen Anwohner empfanden ein Gefühl, das sie nicht in Worte fassen ließ. Albrecht führte viele Befragungen durch, um dieses Gefühl besser verstehen zu können.

Sie alle empfanden eine Art Heimweh, obwohl keiner von ihnen die Heimat verlassen hatte. Es war ein Gefühl irgendwo zwischen Nostalgie, Trauer und Verlorenheit. Um dem Empfinden des Verlusts einen Namen zu geben, benannte Albrecht es als Solastalgie. Die Wortschöpfung setzt sich aus dem lateinischen Begriff solacium („Trost“) und dem altgriechischen algos („Schmerz“) zusammen. In seinem Artikel Artikel mit dem Titel „Solastalgia: The Distress Caused by Environmental Change“ (grob übersetzt: „Solastalgie: Der Kummer, der durch Umweltveränderungen verursacht wird“) bezeichnet er Solastalgie als den Schmerz über den Verlust tröstlicher heimatlicher Geborgenheit.

Dieses Gefühl ist kein Phänomen, das allein den Einwohnern in Hunter Valley untergekommen ist. Auf der ganzen Welt sorgen Veränderungen der Umwelt, sei es durch die Wirtschaft, Kriege oder Naturkatastrophen, dafür, dass die Menschen ihre Heimat verlieren. Zumindest die Heimat, die sie früher kannten.

Ein Rapsfeld in einer grünen Landschaft und einem einzigen Haus - Solastalgie ist das Gefühl vom Verlust der Heimat
Foto: Rita E.

Wie Solastalgie auf unser Gemüt schlägt

Eine der aussagekräftigsten Studien zu diesem Thema wurde zwischen 2002 und 2012 von Forschern des MIT und der Harvard University durchgeführt. Um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Psyche näher zu untersuchen, wurden im Rahmen dieser Studie stichprobenartig fast zwei Millionen Amerikaner befragt. Die Ergebnisse waren eindeutig. Die zunehmenden Hitzewellen und Dürren sorgen für einen Anstieg der Suizidgedanken und der Patienten in psychiatrischen Einrichtungen. Jedes fünfte Opfer von Fluten oder Hurrikanen weist sogar eine schwere Depression, Angststörungen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung auf.

Dahinter steht die Annahme, dass ein Teil unserer Identität an geographische Orte geknüpft ist. Jede Veränderung unserer Umwelt beeinflusst so unsere Identität und bringt uns aus dem Gleichgewicht. Dies bewirkt das Gefühl der Trostlosigkeit und der Verlorenheit, welches Albrecht beschreibt. Dies betrifft aber nicht nur plötzliche Ereignisse wie Sturmfluten, sondern auch die eher schleichenden Auswirkungen des Klimawandels. Besonders indigene Völker, die meist sehr naturverbunden sind, leiden immer mehr unter diesen Umständen. Ein Beispiel sind die Inuit in der Arktis. Die Temperaturen ändern sich, das Eis verschwindet und die Fischbestände werden immer geringer. Diese Veränderung der Natur sorgt gemäß kanadischer Forscher dafür, dass die Suizidrate der Inuit bis zu elfmal höher ist als bei anderen Bevölkerungsgruppen des Landes.

Das Gefühl der Verlorenheit, psychische Erkrankungen und die Zunahme von Suchterkrankungen sind aber nur ein Teil der Solastalgie. Die Veränderung des Klimas könnte nämlich auch einen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft haben. Hitzewellen machen uns nachweislich streitsüchtiger und ungeduldiger. Zudem berichtet das US Global Change Research Program von einer Zunahme der Fälle von häuslicher Gewalt und schweren Körperverletzungen in Kommunen, die von einer Naturkatastrophe oder einer Hitzewelle heimgesucht wurden. Psychologen aus Jena, Berlin und Belfast stellten im Jahr 2012 zusätzlich fest, dass die Menschen auf eine Erwähnung des Klimawandels zunehmend aggressiv und ablehnend reagieren.

Reaktion statt lähmender Trauer

Ein Vorteil ist: Durch den Begriff Solastalgie ist es möglich, das Gefühl in Worte zu fassen. Dies ist besonders wichtig, da man so besser über seine Erfahrungen sprechen kann und es tröstlich ist zu wissen, dass man nicht als Einziger so fühlt. Ein Vorteil des Gefühls an sich kann sein, dass so mehr Menschen auf die Veränderungen der Umwelt aufmerksam gemacht werden. Auch wenn wir unsere Umwelt oft nur unterbewusst wahrnehmen, kann das Gefühl der Solastalgie ausgelöst werden. Dafür muss nicht mal die eigene Umgebung betroffen sein. Durch die sozialen Medien ist man fast täglich mit der Zerstörung der Umwelt konfrontiert, was bei vielen Menschen eine Art Klimaangst auslöst.

Trotzdem kam bei einer Befragung heraus, dass nur drei Prozent der Deutschen den Klimawandel als ernstzunehmende betrachten. Viele halten die Auswirkungen eher für ein Problem, das ausschließlich andere Länder betreffen wird. Dabei warnte der Deutsche Wetterdienst bereits 2018, dass es seit Beginn der Aufzeichnungen bereits im Schnitt 1,4 Grad wärmer geworden ist. Dazu kommt, dass Hitzewellen, Stürme und Fluten nachweislich häufiger auftreten. Vielleicht müssen die Menschen erst das Gefühl der Solastalgie spüren, um die Veränderungen bewusst wahrzunehmen und etwas zu ändern.

Hinweis: Wenn du dich depressiv fühlst oder Suizid-Gedanken hast, wende dich an die Telefonseelsorge online oder unter Tel.  0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 oder 116123 oder an die Deutsche Depressionshilfe unter Tel. 0800 / 33 44 533 (wochentags tagsüber). In Notfällen kontaktiere bitte die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter Tel. 112

Ein See mit Bergen und einer grünen Landschaft mit Hütten im Hintergrund - unsere Heimat ist Teil unserer Identität und ihr Verlust löst Solastalgie aus
Foto: SPOTSOFLIGHT

https://www.nationalgeographic.de/umwelt/2020/04/solastalgie-ein-wort-das-es-gar-nicht-geben-sollte

https://www.zkm.de/de/solastalgie

https://utopia.de/ratgeber/solastalgie-schmerz-um-verlust-der-umwelt/

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-wie-der-klimawandel-auf-die-psyche-schlaegt-1.3954595

https://www.srf.ch/audio/100-sekunden-wissen/solastalgie?id=11476627